Professor Dr. Anne Röthel über Jura:

"Jura ist eine der lebensnahesten Wissenschaften, denn das Recht regelt das menschliche Miteinander. Wer sich mit dem Recht beschäftigt, beschäftigt sich mit allen Facetten des gemeinsamen Lebens, von Fragen der Sterbehilfe bis zur Sportwette, von Vaterschaftstests bis zum Feinstaub."

Fragen an eine Jura-Professorin

Im folgenden Gespräch gibt  Professor Dr. Anne Röthel, Inhaberin des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Europäisches und Internationales Privatrecht an der Bucerius Law School, Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jurastudium.

Was machen Juristen?
Juristen lösen Konflikte oder beugen Konflikten vor, die sich im Zusammenleben ergeben. Das Handwerkszeug der Juristen sind Verträge und Gesetze, also jede Form von Regeln für das gemeinsame Miteinander. Ihre Alltagsarbeit besteht in der Prüfung der Rechtslage: Das Recht welchen Staates ist überhaupt anwendbar? Welche spezielle gesetzliche Regelung ist einschlägig? Wie sind Vertrag und Gesetz auszulegen? Juristische Alltagsarbeit erfordert Präzision: Oft sind einzelne Worte für die Anwendung eines Gesetzes ausschlaggebend, abstrakte Formulierungen müssen mit Inhalt gefüllt werden und Strukturen und Zusammenhänge der Rechtsgrundlagen müssen verstanden werden. Schließlich müssen Juristen das Recht auch anwenden können, beispielsweise vor Gericht. Dafür gibt es bestimmte Verfahrensregeln, die in Prozessordnungen niedergelegt sind.

Diese grundlegenden Arbeitsweisen finden in den verschiedenen juristischen Berufen unterschiedliche Ausprägungen. Ein Richter "spricht" Recht durch seine Entscheidungen und kann es dadurch auch weiterentwickeln, ein Rechtsanwalt muss für seine Mandanten die günstigste Argumentation finden, ein Staatsanwalt muss die Interessen des Staates vertreten. Man kann natürlich auch als Wissenschaftler an einer Hochschule arbeiten und das Recht in seiner Systematik und seinen Grundlagen erforschen und weiterentwickeln.

Was sollte man beachten, wenn man sich für ein Jurastudium entscheidet?
Zunächst einmal sollte man sich für Jura bewusst entscheiden. Jura ist häufig immer noch ein Verlegenheitsstudium. Es ist zwar richtig, dass Jura eine grundsolide Ausbildung für ganz unterschiedliche Tätigkeiten, auch nichtjuristische ist. Aber eine gewisse Neigung und vor allem die richtigen Begabungen und Fähigkeiten sind wichtig, um mit einem Jurastudium auch "glücklich" zu werden. Das begünstigt, neben viel Lerneifer, Erfolg im Studium.

Und wenn man diesen Erfolg hat, dann ist Jura auch ein Studienfach mit guten Berufsaussichten. Jedes Jahr beenden 10.000 Juristen ihre Ausbildung, der Arbeitsmarkt ist also angespannt. Gute Juristen, insbesondere diejenigen, denen ein Prädikatsexamen gelingt, werden allerdings immer gesucht. Bundesweit erreichen zur Zeit aber nur etwa 22 Prozent der Juraabsolventen ein Prädikatsexamen. Die Examensnote entscheidet also stark über den Berufseinstieg, stärker wohl als in anderen Studiengängen. Mit einem Studium an der Bucerius Law School stehen die Chancen überdurchschnittlich gut, auch mit einem Prädikatsexamen abzuschließen. Die bisherigen Absolventen unserer Hochschule haben mit einer Durchschnittsnote von über 10 Punkten – das ist ein Prädikatsexamen – fast doppelt so gut abgeschnitten wie der Bundesdurchschnitt.

Wie genau sehen die Begabungen und Fähigkeiten aus, die man bei einem Jurastudium mitbringen sollte?
Jurastudenten sollten in erster Linie Freude am guten sprachlichen Ausdruck mitbringen: Gesetze sind Texte, und jede Art juristischer Tätigkeit – vom Gutachten bis zum Plädoyer, von der Studienklausur bis zum Urteil – vollzieht sich durch Sprache, also durch mündliche oder schriftliche Argumentation. Daneben wird ein guter Jurist immer auch die Fähigkeit zu logischem Denken benötigen, um das hoch abstrakte System der Gesetze aufzuschlüsseln und anzuwenden. Aber auch Sozialkompetenz ist ein wichtiger Faktor, denn zu den Aufgaben eines Juristen gehört es auch, Konflikte zu lösen oder zu vermeiden, und dazu ist mehr nötig, als virtuos mit Paragraphen umgehen zu können. Das Auswahlverfahren der Bucerius Law School testet daher auch Voraussetzungen wie sprachliche Fähigkeiten und soziale Eigenschaften. Dabei muss man gar nicht von Anfang an wissen, ob man einmal in eine große Wirtschaftskanzlei will. Auch wenn man einfach von Jura begeistert ist, ist man bei uns richtig. Ein Studium an der Bucerius Law School schränkt nämlich keineswegs in der späteren juristischen Tätigkeit ein. Übrigens ist für ein Jurastudium auch kein Latinum Voraussetzung.

Worin unterscheidet sich das Studium von der späteren Tätigkeit?
Das Jurastudium ist der theoretische Teil der Ausbildung zum "Volljuristen", der mit einer staatlichen Prüfung (Staatsexamen) abgeschlossen wird. Es folgt der praktische Teil der Ausbildung, das Referendariat. Es dauert zwei Jahre und wird ebenfalls mit einer staatlichen Prüfung abgeschlossen. Das sagt schon viel über die Unterschiede zwischen beiden Ausbildungsphasen aus. Natürlich wird während des Studiums mit Praxisfällen gearbeitet, aber die Herangehensweise unterscheidet sich doch grundlegend von der späteren Rechtspraxis. Das beginnt schon damit, dass man während des Studiums Fälle aus der Perspektive eines Gutachters löst, während man in der beruflichen Praxis vorwiegend auf ein Urteil hinarbeitet, Fälle also im Urteilsstil löst. Gleichwohl ist es sinnvoll, das Studium aus der etwas breiter angelegten Perspektive des Gutachtens zu verfolgen: Es weitet gewissermaßen den Blick für die Gegenposition und vermittelt das argumentative Handwerkszeug, um später in der Praxis beratend oder entscheidend tätig zu sein.

Ist Jura ein trockenes Studium, wie vielfach behauptet wird?
Nein, das ist eines der vielen Vorurteile, die es über das Jurastudium gibt. Jura ist eine der lebensnahesten Wissenschaften, denn das Recht regelt das menschliche Miteinander. Wer sich mit dem Recht beschäftigt, beschäftigt sich mit allen Facetten des gemeinsamen Lebens, von Fragen der Sterbehilfe bis zur Sportwette, von Vaterschaftstests bis zum Feinstaub. Jura ist also einer der am breitesten gefächerten Studiengänge, die es gibt. Natürlich gibt es auch im Jurastudium Phasen, die "zäher" sind als andere. Das ist aber immer eine sehr subjektive Einschätzung. Ich kann mich beispielweise immer wieder für das Nachbarrecht begeistern – eine Materie, die andere als eher langweilig empfinden. Das ist aber im übrigen keine Besonderheit des Jurastudiums. Egal, ob man Jura, Kunstgeschichte oder Medizin studiert: Phasen, in denen es schwieriger ist, sich für sein Studium zu begeistern, gibt es immer.